Beim Durchhören des Albums hatte ich das Gefühl, man kann kein Stück gesondert entnehmen, man muss das Album wirklich durchhören, weil im Kopf eine eigene Geschichte entsteht.
Hell: Nicht eine, das sind tausende Geschichten. Alles in allem, das gehört zu so einem Album dazu, dass jeder, der es hört, seine eigenen Geschichten reininterpretiert und sich ein Bild macht. Natürlich habe ich auch mein eigenes Bild, das kann ich dir aber nicht verkaufen, weil das ist 30 Jahre Arbeit als DJ, in der Weltgeschichte herumreisen und Erfahrungen und Informationen aufsaugen; das Ganze dann musikalisch umgesetzt. Es ist ein sehr persönliches Album. Ich hab alles reingesteckt, was ich so erfahren habe, was mich beeinflußt hat, auch schon vielleicht in den 60er und 70er Jahren.
Ich bin 1962 geboren und war zum Glück schon alt genug, um Punkmusik zu verstehen. In den späten 70ern/Anfang 80ern, so mit 18 Jahren, hab ich Punk miterlebt, wie’s grad entstanden ist und habe natürlich auch die ersten Atemzüge von Hiphop und dann den ersten Elektro-Sachen mitgekriegt. Und war zum Glück schon immer DJ!
Das können nur Wenige behaupten, das schon immer im Club erlebt zu haben. Immer, wenn so eine neue Welle kam - sei es New Wave oder Acid House oder die ersten Techno-Geschichten - war ich Teil des Ganzen. So hab ich vielleicht eine ganz andere Herangehensweise an so ein Doppelalbum. Es spiegelt mein ganzes Leben wieder.
Die aktuelle Single heißt “Angst”. Vor was hat denn DJ Hell Angst?
Hell: Eine gute Frage. Ich hab eigentlich selten Angst gehabt in meinem Leben. Ich hab Höhenangst, ich bin nicht schwindelfrei. Und ich bin - wie man so schön sagt - nicht ganz “seetauglich”. Das mag ich nicht, wenn’s rauf und runter geht. Auch beim Tauchen, da hab ich ganz komische Erlebnisse gehabt. Aber wenn ich weiß, ich muss auf einem Dampfer oder auf irgendeinem Kreuzfahrtschiff auflegen, dann hab ich nicht Angst, mehr ein Gefühl, dass das in die Hose gehen kann.
Auf “Teufelswerk” gibt es ja eine soundmäßig sehr helle, „weiße“ und eine dunkle, „schwarze“ CD. Gibt es im Leben eines DJs kein Grau?
Hell: Doch, es gibt viel grau! Der Sonntag, nach den Freitag- und Samstaggigs, der ist ziemlich grau… der Reisetag (lacht). Wenn man am Flughafen sitzt, den Flieger verpasst hat, den Anschlussflug nicht erwischt hat und die Airline sagt: “Sie müssen jetzt leider in irgendein Flughafenhotel und den ersten Flug morgen in der Früh nehmen”. Und alles was du willst, ist nach Hause zu kommen. Und es geht einfach nicht. Es gibt schon viel Grau im DJ-Leben, vor allem solche Reisesituationen. Aber das muss man ja musikalisch nicht umsetzen.
Auf dem Album sind auch eine Menge Gastvocals zu finden. War es schwierig, die Herrschaften Bryan Ferry oder P.Diddy zu überzeugen?
Hell: Es ist nun mal so, dass ich ein absolut miserabler Sänger bin. Das ist auch ein Gruß an die anderen DJs: Bitte nicht versuchen, dann auch noch selber Vocalist zu sein! Da gibt es genügend Beispiele, wo das total in die Hose geht. Meine Überlegung ist, warum nicht mit den bestmöglichsten Vocalisten zu arbeiten? Und das war in dem Fall natürlich Bryan Ferry. Er ist einer der größten und besten lebenden Vocalisten, oder gar die es jemals gab. Da gibt es natürlich jede Menge Spezialisten, die das gelernt haben. Die wissen auch damit umzugehen. Bryan Ferry hat seine eigene Art, sich zu artikulieren, was Songtexte betrifft, auch seine Aussprache. Er ist so perfektionistisch mit seiner Stimme und Arbeit, das könnte man nicht nachmachen. So eigenständig und besonders zu arbeiten macht ihn ganz einfach aus… Und ich bin einer der Glücklichen, der sagen kann, ich hab mit ihm zusammengearbeitet und den Song “You Can Dance” gemacht. Das gab’s ja vorher nicht, dass ein DJ mit Bryan Ferry zusammenarbeitet. Für euch (aus der jüngeren Generation, A.d.R.) wird es vielleicht nicht so relevant sein, weil Bryan Ferry und Roxy Music nicht so wichtig waren uns sind, aber für mich ist das eine der absoluten Legenden, gleich zu setzen mit Iggy Pop, David Bowie und Grace Jones.
Wie funktioniert das praktisch? Rufst du einfach bei P.Diddy an und fragst: Hast’ Zeit?
Hell: Nein, er ruft bei mir an und sagt: Jetzt geht’s los! P.Diddy lebt ja in seiner eigenen Welt. Er schläft kaum, nur drei, vier Stunden, und wenn eine Idee da ist, irgendwas gemacht werden soll, im Studio oder Design, egal was und wo, dann muss es sofort passieren. Er weiß auch, dass wenn er anruft und einen Remix braucht oder irgendwas, dass er, egal wo ich bin und was ich grad mache, innerhalb von 24 Stunden ein Ergebnis von mir kriegt. Es ist faszinierend, solche Leute zu treffen und zu sehen, wie die funktionieren. Wie genial er Sachen manipuliert und Aufmerksamkeit bekommt durch seine Art.
Ich dachte mir ehrlich gesagt, das ist wohl der größte lebende Egomane und eigentlich will ich gar nicht mit dem arbeiten, aber genau das Gegenteil ist der Fall. Er ist ein großartiger Musiker. Die Zusammenarbeit mit ihm war unvergesslich und für mich ist es wahnsinnig interessant, so große Meister zu beobachten und daraus auch zu lernen.
Er hat gesagt: “Das läuft so, du machst was für mich und ich mach was für dich.” Und einfacher kann es gar nicht sein. Und so funktioniert vieles bei ihm. Man interpretiert da immer so viel rein, aber es ist alles sehr simpel gehalten und wird einfach gemacht.
Wenn du dir neue Tracks von jungen Acts anhörst, was ist dir dabei wichtig?
Hell: Ich überprüfe einfach: Ist das jetzt eine Kopie von einer Kopie von einer Kopie, oder ist das was Neues? Wenn ich gute neue Leute entdecke, wie Justice zum Beispiel, die diesen Remix von „Never Be Alone“ gamacht haben - das war ja ursprünglich von einer englischen Band - da, war das Erste, was ich mir gedacht hab: “Ich find das so großartig.” Dann sag ich denen, dass ich gerne einen Remix machen und auf Gigolo releasen würde. Das biete ich auch umsonst an. Wenn etwas Neues, Frisches kommt, etwas Innovatives, was keine Wiederholung von irgendwas ist, bin ich gerne bereit mich da einzubringen.
Und ich denke mit Gigolo hab’ ich das auch über 12 Jahre lang mehr als deutlich gemacht, dass man auch immer schon Dinge vorgreift und Sachen vielleicht vorreflektiert, schon bevor es groß wird. Ich bekomme schon die ganzen Nu-Rave-Sachen mit, was so aktuell ist und versuch’ das auch einfließen zu lassen, in meine Kunst, in meine Sets.
Wie überbrückst du die Zeit beim Reisen?
Hell: Man verliert natürlich sehr viel Zeit unterwegs. Wenn ich das zusammenrechne, komme ich auf 20 Stunden, die ich jedes Wochenende nur im Flieger sitze. Auf dem Weg zum Flughafen oder im Taxi warte ich und mache eigentlich nichts. Da versucht man natürlich die Zeit so zu gestalten, dass sie nicht als Verlust wahrgenommen wird. Man beschäftigt sich mit Musik, liest oder telefoniert natürlich gerne. Oder man arbeitet sogar. Ich arbeite viel im Flieger, um einfach die Zeit nicht als verlorene Zeit wahrzunehmen.
Du spielst mit Fortdauer deiner Karriere auch immer weniger live, oder?
Hell: Ich bewundere vor allem die amerikanischen DJs, die herumreisen und alles gar nicht als stressig empfinden - alles ist Party und alles ist locker, das hab ich so nie geschafft. Die kriegen zwar auch wenig Schlaf, aber auf geht’s zur nächsten Party. Ich hab das auch mal gemacht, mit einer Rockband. Da bist du die ganze Nacht auf der Autobahn unterwegs, kommst in der Früh bei einem Klub an, und da ist kein Mensch. Du willst duschen, kannst aber nicht. Ich hab’s glaub ich drei, vier Tage ausgehalten, dann hab ich gesagt: “Wisst’s was? Viel Spaß, ihr könnt’s gerne weiter fahren, aber ich fahr zum Flughafen, wir sehen uns dann am Abend beim Auftritt.” Ich hab’s nicht ausgehalten. Auch wegen des Fahrens, das schaukelt ja die ganze Zeit, ich konnte keine Sekunde schlafen. Und nach ein paar Tagen bist du echt fertig. Wenn man 50 Gigs in 80 Tagen macht, als Newcomerband, seine Kunst promotet, dann kann man natürlich auch sagen: Ich kümmer mich um nix mehr, ich denk’ nur mehr Gig für Gig für Gig und weiter geht’s.
Wichtig ist natürlich, dass man bei Laune bleibt, und dass keiner ausschert. Ich seh das ja auch bei DJs, die das extrem durchziehen, vier Gigs in der Woche oder so. Mich interessiert das kaum, nach zwei Gigs bin ich zufrieden an einem Wochenende und bereite mich schon auf die nächsten Auftritte vor. Wenn ich drei mache, in drei Städten, in drei Ländern, in drei verschiedenen Klubs, ohne Pause, dann ist es ab dem dritten anstrengend. Nicht, weil man keine Kondition mehr hat. Man fängt einfach an, sich zu wiederholen, das Ganze wird weniger innovativ.
Du hast ja auch in der Playboy Mansion gespielt, wie kam es dazu?
Hell: Das war die “50 Jahre Playboy”-Party, in Los Angeles bei Hugh Hefner im Garten. Da dachte ich zunächst, das ist vielleicht - was natürlich der falsche Ausgangspunkt war - der Höhepunkt meiner DJ-Karriere. Ich beim Playboy und Hugh Hefner und seine Mädels (lacht)… Aber das war’s natürlich nicht! Ok, da waren Leute wie Marylin Manson, Pamela Anderson und Co., alle waren da und es wurden Fotos gemacht etc… Aber sobald die Fotographen weg sind, ist es auch wieder uninteressant. Man geht zur nächsten Party oder nach Hause. Ich weiß jetzt nicht, ob Pamela Anderson nach Hause gegangen ist und ihre Lieblingsfernsehserie geguckt hat. Aber es war jetzt keine so wilde Party, wie ich mir das ausgemalt hatte. Das war “50 Jahre Playboy”, da war wahnsinnig viel Presse.
Die wilden Parties gab es sicherlich auch dort in diesem Haus, an den Pools, mit Pelikanen und was man sich noch alles vorstellen kann… Aber ich glaube, dass die ausschweifenden, wirklich wilden Parties in den 70ern, 80ern passiert sind. Jetzt ist das Ganze eher um zwölf oder eins zu Ende, weil sich die Nachbarn beschweren, wegen zu lauter Musik.
Das Highlight für mich war, als ich hab grad gespielt habe und Hugh Hefner vor mir tanzte, mit seinen sechs Freundinnen. In dem Moment lief grad “I Feel Love” von Donna Summer, das war schon so ein besonderer Moment. Nach mir hat eine seiner Freundinnen aufgelegt, so ein Bunny, ich hab den Namen vergessen… Die war DJane, die hat gar nicht schlecht gespielt. Wenn ich jetzt die Fotos sehen würde, würd ich mir denken: “Wow, was für eine super Party!” Aber eigentlich war’s das gar nicht. Ich hab’ zum Beispiel auch Pamela Anderson, die neben mir stand, gar nicht erkannt, weil die so klein ist, die hatte vielleicht hohe Schuhe an! Ich hab’ die erst gar nicht richtig wahrgenommen.
Verändern sich die Werte im Laufe der Jahre? Wenn man ständig hinter die Fassade blicken kann, geht dann der Reiz verloren? Gibt es noch Partys, auf die du gehen willst?
Hell: Jetzt ist zum Beispiel bald der Live-Ball hier in Wien. Ich glaube vor fünf Jahren hatte ich das Angebot da aufzulegen, aber da ich hatte keine Zeit, weil ich auf Tour war. Vor zwei Jahren hab’ ich gesagt: “Jetzt würd ich gerne”, aber da hat’s auch nicht geklappt, und jetzt hab ich’s nie gemacht in meinem Leben. Das würd ich aber gerne machen, weil ich diese Veranstaltung wirklich großartig finde. Es gibt wahnsinnig viele Dinge, die ich in meinem Leben noch nie gemacht habe. Da ist noch viel zu holen, noch viel zu erleben. Ich bin jetzt mittendrin, indem was ich machen will, vielleicht sogar am Höhepunkt meiner Karriere. Das weiß ich natürlich jetzt noch nicht, das kann ich dann in 10 Jahren sagen. Ich denke auch, dass ich - ich bin ja 46 - vielleicht sogar so ein role model bin, für die jüngeren Kids, für die DJs - Damit die sehen, dass es auch mit 46 noch möglich ist, im Flex zu stehen und ein gutes Set abzuliefern. Es ist möglich!
DJ Hell - Teufelswerk
djhell.de
[...] Interview mit DJ Hell: “Ich bin jetzt mittendrin, indem was ich machen will, vielleicht sogar am H… Nein, man muss DJ Hell nicht mögen. Man muss ihn auch nicht höher betten als nötig, aber lesenswert ist das Interview mit ihm trotzdem. Der alten Tage wegen und so. [...]
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